Wie der Leichtbau die Stadt von Morgen ermöglicht.

25.09.2019

 

Parlamentarischer Mittag im Landtag Baden-Württemberg.

Eine lebenswertere Stadt, die den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellt und in der Flächen, die vorher von Verkehr und Autos besetzt waren, wieder den Menschen gehören – klingt nach einer Vision? Wie diese mit innovativen Leichtbaulösungen für Mobilität und Architektur umgesetzt werden kann, hat die Landesagentur für Leichtbau Baden-Württemberg über 20 Abgeordneten beim parlamentarischen Mittag eindrucksvoll gezeigt. Im Foyer des Landtags gab es Leichtbau zum Anfassen und Anschauen.

„Stellen Sie sich einmal vor, in Stuttgart würde ein Großteil der Verkehrsflächen wie Straßen oder Parkplätze überflüssig werden. Man könnte diese Bereiche nutzen, um neuen Wohnraum zu schaffen und die Stadt lebenswerter zu gestalten“, eröffnete Dr. Wolfgang Seeliger, Geschäftsführer der Landesagentur für Leichtbau Baden-Württemberg den parlamentarischen Nachmittag im Landtag. Doch es sind keine leere Luftnummern – im Land wird bereits eifrig an Lösungen und Ideen für die Stadt von morgen gearbeitet. Eine davon konnten die Abgeordneten im Foyer bestaunen: den ILO1. Nur die Hälfte an Energie, ein Drittel des Gewichts und ein Viertel des Raumbedarfs „verbraucht“ das Leichtbaufahrzeug im Vergleich zu einem normalen Pkw. Entworfen hat ihn das Startup Emm! solutions aus Weil der Stadt. „So ein Mobilitätskonzept hat das Potential, unser Stadtbild zu verändern, wenn 75 Prozent der Verkehrsflächen in Städten frei werden können“, rechnet Seeliger vor.

„Weniger geht nicht mehr.“

Ein anderes Beispiel für die Mobilität von Morgen ist der UCCON, eine Transportlösung für den innerstädtischen Verkehr. Im Vergleich zu einem Kleintransporter kommt der UCCON der TEAMOBILITY GmbH aus Böblingen bei gleicher Länge auf fast ein Drittel mehr an Laderaumvolumen und Nutzlast. „Der ILO und UCCON sind innovative Beispiele für das, was wir unter dem Begriff Konzeptleichtbau verstehen. Wenn man weg von einem klassischen Fahrzeug mit schwerem Motor mit Kühler vorne und einem Tank hinten geht, dann hat man ganz neue Möglichkeiten, wie Fahrzeug aussehen kann“, erklärt Seeliger. Dabei hat der Konzeptleichtbau einen ganz speziellen Anwendungsfall im Blick. „Wir sprechen von Use-Case-optimierten Fahrzeugen, die genau auf die Erfüllung einer bestimmten Funktion zugeschnitten sind, zum Beispiel den Transport einer Person“, sagt Seeliger. In Zukunft werde es daher eine große Modellvielfalt geben, glaubt Seeliger. „Die Fahrzeuge können dann ‚nur‘ eine bestimmte Transportaufgabe erfüllen, aber das mit einem Minimum an Material-, Flächen- sowie Kraftstoffverbrauch – weniger geht nicht mehr.“

Doch die Ideen der Leichtbauer im Land beschäftigen sich für die Stadt der Zukunft nicht nur mit dem Bereich Mobilität – auch für die Architektur von morgen gibt es innovativen Ideen. „In den vergangenen Wochen wurde in der öffentlichen Debatte viel über Verbote für Plastiktüten oder Strohhalme. Ein richtig großer Brocken, wird aber außer Acht gelassen und das ist der Bausektor. Dieser verursacht weltweit etwa 50 Prozent des Müllaufkommens und verbraucht rund 40 Prozent der Ressourcen“, sagt Seeliger. Wie man den Ressourcenverbrauch im Bauwesen massiv eingrenzen kann, zeigte bei der Ausstellung etwa eine Konzeptstudie des Stuttgarter Ingenieurbüros str.ucture. Es könnte die weltweit erste leichte Grünbrücke dieser Größenordnung werden: Die Idee sieht vor, eine bereits bestehende fünf Meter breite Massivbrücke über der A8 bei Stuttgart mit zwei Seilnetzen auf eine Gesamtbreite von 45 Metern zu erweitern. Im Vergleich zur herkömmlichen überschüttenden Tunnelbauweise lassen sich 90 Prozent des Materials einsparen und die Baukosten halbieren. „So können Städte, die durch Autobahnen voneinander getrennt sind, wieder zusammenwachsen. Und auf den durch die Brücke neu geschaffenen innerstädtischen Flächen kann neuer Wohnraum entstehen“, sagt Seeliger.

Ein anderes Beispiel ist der Aufzugtestturm der thyssenkrupp AG in Rottweil, für den der Stuttgarter Architekt Werner Sobek etwa die Tragwerks- und Fassadenplanung übernommen hat. Der Turm ist ein Anschauungsbeispiel für die Möglichkeiten von Leichtbau und von adaptiven Strukturen in der Architektur – zum einen durch sein optimiertes Tragwerk sowie seine multifunktionale textile Membranhülle, die zur Reduzierung thermischer und durch Wind verursachter Lasten dient. Technische Innovationen wie ganz neue Aufzugsysteme ermöglichen es künftig zudem, Hochhäuser mit einem schlankeren Kern und mit reduzierter Masse zu bauen.

Studie zeigt, was heute schon möglich ist

Welche Einsparpotentiale bereits heute durch Leichtbauprinzipien gegenüber konventionellen Bauweisen im Kontext der Stadt möglich sind, hat die aktuelle Studie „Leichtbau im urbanen System“ der Landesagentur untersucht. „Wir stehen vor der Herausforderung, dass wir für immer mehr Menschen in den kommenden Jahren mit weniger Material zusätzlichen Wohn- und Lebensraum in Städten schaffen müssen“, sagt Dr. Wolfgang Seeliger. Daher ist er sich sicher: „Die Stadt von morgen kommt am Leichtbau nicht vorbei.“